Medien ohne Computer: „Schreiben war beschissen“

21 Sep

Die Achtziger waren das Jahrzehnt, in dem der Personal Computer seinen Siegeszug antrat – 1981 kam der erste IBM-PC (5150) auf den Markt, 1984 der Apple Macintosh. Weitere gängige Modelle waren Mitte des Jahrzehnts Commodore 64, Atari ST und Tandy.

Waren Computer also schon weit verbreitet? Jein. Viele Endreißiger werden sich aus ihrer Jugend zwar daran erinnern, dass es bei ihnen zuhause oder bei Freunden so genannte Microcomputer oder Home Computer gab.

In den meisten Firmen, zumal in der Medienbranche, waren PCs jedoch bestenfalls Exoten. Während Großunternehmen schon seit den Siebzigern Großrechner und Kalkulationsmaschinen im Einsatz hatten, war die Medienbranche lange ohne dieses neumodische Zeug ausgekommen.

Christian Deysson, der 1985 für die „Wirtschaftswoche“ als Korrespondent in Washington D.C arbeitete, erinnert sich, dass die meisten Computer nicht mit Schreiben oder Recherchieren in Verbindung brachten. Als er einem Verlagsmanager von den journalistischen Möglichkeiten des Computers vorschwärmte, habe der geantwortet: „Ein Computer ist doch zum Rechnen da“.

ibm pc 1984

Diese Grundhaltung dürfte auch unter vielen Journalisten verbreitet gewesen sein; Computer waren vielleicht etwas für Erbsenzähler, aber nichts für Schöngeister.

Die Verlagsmanager der Holtzbrinck-Grupper, zu der die „Wiwo“ gehörte, hätten „verdammt wenig Verständnis“ für das Thema gehabt und entsprechend Investitionen in Computertechnologien lange blockiert. Mit dieser Haltung waren die Stuttgarter freilich nicht allein.

In den meisten Redaktionen wurden Manuskripte in den Achtzigern entweder noch handschriftlich verfasst und dann von Typistinnen verschriftet – oder, bei den schneller getakteten Zeitungsredaktionen, auf Schreibmaschinen getippt. Danach wurden die Textbausteine zurechtgeschniten und dann im Satz auf Glasplatten geklebt, die dann in die Belichtung gingen.

„Schreiben, war immer beschissen“, sagt Deysson rückblickend. Gerade bei komplexen Magazingeschichten, in denen Textblöcke mehrmals umgestellt und umgeschrieben werden mussten, sei das Schreiben mit der Schreibmaschine eine Qual gewesen. Als er Anfang der Achtziger erstmals mit Textverarbeitungsprogrammen gearbeitet habe, sei das eine Offenbarung gewesen.

Die deutsche Redaktion, die vielleicht am fortschrittlichsten mit der neuen Technologie umging, war jene, die auch über Computer berichtete: Der Heise-Verlag in Hannover. Der gab ab 1977 die Fachzeitschrift „ELRAD – Magazin für Elektronik und technische Rechneranwendungen“ heraus, seit 1983 die „c’t“.

„In der Redaktion von ‚Hifi Vision‘ hatten wir damals bereits Ataris an den Arbeitsplätzen“, erzählt die Journalistin Andrea Jonischkies, ein ehemaliges Redaktionsmitglied. „Allerdings wurde damit nicht das Desktop-Publishing gemacht“. Dafür habe es einen Macintosh gegeben, der einzige in der ganzen Redaktion. Zur Textabgabe wurde der Apple auf einem Rollwagen von Redakteur zu Redakteur gefahren. „Dann lud da jeder seinen Text  drauf“.

Während Einzelkämpfer wie US-Korrespondent Deysson früh auf Laptops setzen, ist es in der Rückschau erstaunlich, wie lange sich die Stammredaktionen gegen Computer sperren konnten, Bei Deutschland größter Zeitung, der BILD, standen 1993, als ich dort ein Praktikum machte, in der Hamburger Lokalredaktion statt PCs noch Terminals auf den Tischen. In leuchtend grüner Schrift konnten die Redakteure dort ihre Texte ins System hacken und an den Balken senden – mehr ging nicht.

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13 Antworten to “Medien ohne Computer: „Schreiben war beschissen“”

  1. Ralf Bülow 22. September 2010 um 07:25 #

    Etwas zum Jahr 1990: Da gab es in der Wissenschaftsredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ einen Anschluss an das ATEX-System, ein oder zwei IBM-Kugelköpfe und einen Mikrocomputer. Letzterer war aber der Privatbesitz einer Kollegin.

  2. Vilko 22. September 2010 um 07:30 #

    Schreiben zur der Zeit war wirklich… nicht so einfach. Kann sich noch jemand an die Schiefertafeln in der Grundschule erinnern?

  3. Wolfgang 22. September 2010 um 07:58 #

    Wir hatten immerhin bereits Anfang der 1980er in einer der Lokalredaktionen unserer Tageszeitung Linotype-Systeme, in denen Texte grün auf schwarz eingegeben, korrigiert und formatiert sowie Schriftgrößen und -typen programmiert werden konnten – endlich war ein wirklich zeilengenaues Layout-Scribble möglich. Sah bei mir damals so aus:

    Gespeichert wurden die Texte in einem kleinen internen Speicher bzw. auf 5 1/4-Zoll-Disketten, an die Druckerei wurden sie per DFÜ gesendet (so eine Art Telefon-Modem). So konnten auch aktuelle Texte noch nach dem eigentlichen Redaktionsschluss geschrieben, gesendet und gedruckt werden. Vorher war die Deadline der Kurier, der um 17 Uhr Manuskripte und Fotos abholte.

    Die ersten IBM-PCs (ich glaube, es waren XT) kamen bei uns nicht in der Zeitungsredaktion, sondern etwas später in der Redaktion bzw. Kreation unseres Btx-Dienstes TeleSüd in CEPT-Standard zum Einsatz. Die wurden für diverse Grafikanwendungen noch mit damals extrem teuren Zusatzgeräten aufgemotzt (Grafik-Tablets, Scanner etc.).

  4. Wolfgang 22. September 2010 um 08:07 #

    P.S.: Habe gerade noch mal nachgeguckt: Das mit den IBM-PCs und Btx war bei uns ab 1984 – das Ergebnis sah u. a. so aus (hier leider nur schwarz-weiß, in Wirklichkeit waren’s 32 Farben):

    P.P.S.: Eure Systemzeit scheint auch im DeLorean unterwegs zu sein – 2 Stunden hinterher.

  5. AlterKnacker 22. September 2010 um 08:08 #

    Ich bin dafür, mit den Fakten nicht zu würfeln.

    Zuserst war Z80 da, dann kam ein Atari, dann der Brotkasten (VC20 und C64) und dann kam erstmal längere Zeit nix, bevor der Apple auftauchte zeitgleich mit dem Atari ST und erst dann kam der IBM-PC (8086).

    Nicht vergessen sollte man den TI (Texas Instruments) oder den Armstrad, die aber nur kurzfristige Zwischenlösungen waren. Und dann gabs da auch noch so eine Grafikkiste von Commodore mit Namen Amiga

  6. Mike 22. September 2010 um 08:47 #

    Klasse Blog. Ich fing zwar „erst“ 1987 in der Branche an, aber an die Jahre, als Computer in den Redaktionenen noch „Teufelswerk“ waren, an die erinnere ich mich noch sehr gut. Eine kleine Anmerkung habe ich dennoch. Sie schreiben:

    „… oder, bei den schneller getakteten Zeitungsredaktionen, auf Schreibmaschinen getippt. Danach wurden die Textbausteine zurechtgeschniten und dann im Satz auf Glasplatten geklebt, die dann in die Belichtung gingen.“

    Die Textbausteine kamen aus einem sogenannten Composer von IBM. Der hatte zwar auch einen Kugelkopf (und kann deshalb gern mit der „normalen IBM“ verwechselt werden), war aber dazu gedacht Satzfahnen auszuspucken (als Blocksatz, inklusive Fettungen etc.). Bedient wurde dieser oft von einem gelernten Setzer oder einer Setzerin. Der Text wurde vom Manuskript eingetippt, dann folgte eine etwa zehn- bis 20-minütige Pause, in der das Gerät rechnete und eine Satzfahne ausdruckte. Wenn der Setzer gut war, konnte man das gleich in die Korrektur geben (das gab es damals noch) und abspeichern. Sonst musste der Zeilenlauf neu berechnet werden und eine neue Satzfahne erstellt werden. Kam die Satzfahne aus der Korrektur zurück, wurden die Änderungen eingegeben und die neu ausgedruckte Fahne ging in die Grafik, die sich dann mittel Fixogum und Cutter im Kleben übte 😉

  7. til 22. September 2010 um 10:31 #

    Ich habe als Redakteur dreimal die Erfindung des Fotosatzes in drei verschiedenen Verlagen mitgemacht, zwischen Mitte 1970, das war fast eine Pionierleistung eines kleinen Lokalverlags, und Mitte 80. Zu Beginn, es handelte sich um ein Linotype-System, war die Redaktion grundsätzlich ausgeschlossen, es mußten Heitzer auf der E-Lok beschäftigt werden, da paßten die Gewerkschaften und der DJV sehr auf. Die Redaktion benutzte weiterhin Schreibmaschinen, ab und zu setztemansich verstohlen vor einen PC. Manuskripte wurden mit entsprechenden Befehlen ausgezeichnet. In einem andferen Verlag folgte ein völlig neues System, wieder mehrere Monate Um- und Einlernphase. Beim dritten, letzten und großen Verlag machte der Betriebsrat einen Aufstand,weil ich das bisher Erlernte insoweit einzusetzen versuchte,indem ich Manuskripte PC-gerecht auszeichnete, der AV damit aber Arbeit wegnahm.Heute ist die ganze frühere Technikabteilung verschwunden, Gewerkschaften und Journalistenverbände haben die Entwicklung total verschlafen, die Technik ist in den Redaktionen gelandet, junge Kollegen halten die Benützung einer Tastatur schon für Journalismus, der auf der Strecke geblieben ist. Die journalistische Arbeit besteht vorwiegend darin, Fremdtexte auf Seiten zu laden und diese am Abend fertig in die Druckerei zu schicken.

  8. Nadine 22. September 2010 um 11:41 #

    Wundervoller Blog! Ich erst 30 und deshalb lese ich umso mehr mit staunenden Augen die bereits erschienenden Einträge!:)

  9. rolf tschochohei 22. September 2010 um 13:37 #

    oh gott, wenn ich das alles lese, bin ich wirklich froh, dass es keine zeitmaschine gibt.

  10. Gero von Randow 22. September 2010 um 21:55 #

    Als ich 1992 zur ZEIT kam, waren die Sekretärinnen via grün/schwarzem Terminal mit der Produktion verbunden. Redakteure hatten keinen Computer, und mir wurde gesagt, „Sie können eine IBM Kugelkopf-Schreibmaschine haben“. Also schleppte ich meinen AT ins Büro. Ein Modem brachte ich auch mit, das war, als hätte ich eine Wasserstoffkofferbombe dabei gehabt.

  11. Ulrich Nies 27. September 2010 um 13:01 #

    Vom Satzcomputer versaut…..
    Bei meinem Berufseinstieg Anfang der 80er mußte noch die gute mechanische 57er Adler herhalten. Im Verlag Medienkritik, meinem ersten Arbeitgeber, war es dann eine elektrische Brother mit integriertem Korrekturband – das ich heftig nutzte.
    Zum Einstieg in das PR-Volontariat bei BASF stand dort eine IBM-Kugelkopf und pro Büro ein Zugang zum Umbruchsystem des Mannheimer Morgen – unserer Druckerei. Überschriften, Vorspann und Fließtext wurden mit Satzbefehlen programmiert: Zeilenbreite 60mm für den Einspalter, SG 24 HV für die 24-Punkt-Schrift Helvetica, dann SG 9,5 Times , KG 10 für den Fließtext und so weiter…. Ob man richtig programmiert hatte, erfuhr man am nächsten Tag wenn der Druckereibote die Ausdrucke für die Layoutwand brachte.

    Viel schlimmer aber finde ich bis heute, wie sehr ich mich vom System korrumpieren ließ. Während die älteren Kollegen wie ein guter Schachspieler ganze Sätze im Voraus dachten und dann in die Maschine hackten, mäanderte ich durch meine Texte; änderte hier und da, verschob Worte und Absätze, begann Sätze ohne sicher zu sein wo ich am Ende landen würde…..
    Selbst Schuld! Aber damit muß ich jetzt eben leben……

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  1. Damals war alles anders « Vilko Stojcic - 22. September 2010

    […] mit den Computern in den Medien angefangen hat? Nein wisst ihr nicht. Macht nichts. Ihr könnt das hier im Beitrag und den dazugehörigen Kommentaren […]

  2. Medial Digital» Blogscout Neu » Neue Serie Blogscout (1): Innovation Stuntmen und Medienzeitmaschine - 22. September 2010

    […] das Zeitzeugen-Bekenntnis des damaligen “WiWo”-Korrespondenten Christian Deysson: “Schreiben war beschissen”. Mit 35 und 37 Jahren sind die Blogbetreiber natürlich noch zu jung, um den medialen Berufsalltag […]

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