Das Google der Achtziger

28 Sep

Wie war eigentlich das Leben ohne Google? Für die meisten Menschen vermutlich unproblematisch – auch, wenn man sich das heute nicht mehr vorstellen kann. Doch für Reporter und Agenturen, die unter Zeitdruck Informationen ausfindig machen mussten, war die Prä-Internet-Ära sehr mühsam.

Informationen gab es auf der Pressekonferenz oder im persönlichen Gespräch; wer eine obskure Statistik suchte, berichten alte Kämpen, der war schon einmal einen Tag lang damit beschäftigt, den Archivar der Handelskammer oder des Wirtschaftsministeriums ausfindig zu machen, der die entsprechende Information besaß. Man musste viel telefonieren, sich ein gutes Handarchiv anlegen. Dem Dokumentar der Redaktion ab und zu Schokolade hinzustellen, war auch nicht verkehrt. Wer auf seinem Bürostuhl hocken blieb, der erfuhr nichts – legwork war gefragt.

Es sei denn, man hatte einen Zugang zu Dialog Information Services, dem Google der Achtziger.

Dialog war eine Fernabfrage-Datenbank, die der Amerikaner Roger K. Summit in den sechziger Jahren ursprünglich für die NASA entwickelt hatte. In den siebziger Jahren wurde Dialog vor allem von Bibliothekaren oder Wissenschaftlern verwendet; in den Achtzigern entwickelte sich die zum Rüstungskonzern Lockheed gehörende Suchmaschine allmählich unter Journalisten und Bankanalysten zum Geheimtipp – also jenen Berufsgruppen, die sehr rasch Informationssammlungen zusammentragen mussten.

1988 hatte Dialog 91.000 Nutzer und in 86 Ländern. Für den Zugriff benötigte man ein Modem und einen PC (die ersten IBMs kamen 1981 auf den Markt). Die Suchabfragen waren freilich schweineteuer. Eine Stunde verschlang 100 Dollar, sodass Rechnungen von mehreren 1000 Dollar im Monat keine Seltenheit waren.

Teuer ist natürlich relativ. Schließlich war die Zeitersparnis gigantisch und man konnte als Endnutzer erstmals selbst eine Suche durchführen – vorbei an den Dokumentaren, die damit aus Sicht vieler Redakteure zumindest teilweise ihre Daseinsberechtigung einbüssten. Dass es den Redakteuren nach dem Siegeszug des Internet zum Teil später ähnlich erging, ist wohl eine Ironie der Geschichte.

Dialog hatte eine Suchbox, in die man Begriffe und Operatoren eingeben konnte – das Ganze war einer modernen Suchmaschine nicht unähnlich. Durchsucht wurde der Volltext der in einer zentralen Datenbank abgelegten Dokumente. Wichtige Datenquellen waren das Standard & Poor’s Firmenregister und der Magazine Index, der über 400 populäre Zeitschriften enthielt.

Eine normale Suche durchzuführen und die Treffer abzuspeichern, dauerte mit einem 1200-Baud-Modem ungefähr eine halbe Stunde – möglicherweise länger, wenn viele Leute zugriffen und alle Ports belegt waren. So richtig populär wurde Dialog, als Lockheed die Basisversion Knowledge Index (KI) einführte. Nun kostete die Recherche nur noch 24 Dollar pro Stunde. Das konnte sich jeder leisten. Kleiner Haken: Man durfte, um das Premium-Tagesgeschäft nicht zu stören, nur nachts suchen.

Nachtrag: im Jahr 2000 kaufte Thomson den Dialog Information Service.

Advertisements

3 Antworten to “Das Google der Achtziger”

  1. Andre 28. September 2010 um 07:28 #

    Sehr interessante Geschichte, habe ich noch nie von gehört!

    Vielen Dank, ist schon gebookmarked

  2. sidmos6581 25. Oktober 2010 um 21:21 #

    Brockhaus=Google ?

    Wohl eher: Brockhaus=Wikkipedia

    Will auch nicht kleinlich werden 🙂

    Mit der Selbstverständlichkeit wie heute Daten abgerufen werden können, war das damals wohl ein Novum. Am besten fand ich die Info, das 1 Stunde 100 Dollar gekostet haben. Gibt es heute auch noch, nennt sich roaming….

  3. Judson Milcher 30. Januar 2011 um 19:56 #

    My partner and I stumbled over here coming from a different website and thought I should check things out. I like what I see so i am just following you. Look forward to looking into your web page yet again.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: