„2000 Mark für Telefon waren fast normal“

22 Nov

Stephan Finks erstes "offizielles" Business-Bild aus den 80s

 

Als Sprecher des Vorstands der Fink & Fuchs Public Relations AG ist Stephan Fink, Jahrgang 1957, heute in der technologisch geprägten PR-Szene eine feste Größe. Doch schon vor der Gründung von Fink & Fuchs PR im Jahr 1988 war der Wiesbadener als Early Adopter, Autor und Techie-PRler unterwegs. Was Lötkolben mit Redaktionsbesuchen in den 80ern zu tun hatten, welche Telefonbücher im Postamt zu finden waren und wie viel der erste Laserdrucker eines aufstrebenden PRlers kostete – all das erzählt uns Stephan Fink im folgenden Interview.

Wie war das in den 80ern – wie kam man da zur PR?

Ich war eigentlich noch Student. Erst habe ich eine Banklehre gemacht, später BWL und VWL studiert. Und dann habe ich meine Dissertation begonnen, die sich mit Informations- und Kommunikationsmanagement und der Verwendung neuer Medien beschäftigte. Das war 1984.

Was waren denn damals „neue Medien“?

BTX, Fax, Scanner-Codes, erste Computer, Büroinformationssysteme – mit hochkantigen Monitoren, es gab auch noch die Kugelkopfschreibmaschine, auf der ich meine Diplomarbeit geschrieben hatte. Auf jeden Fall begann ich meine Dissertation. Und parallel dazu fingen ein paar Jungs aus meiner Bekanntschaft an, sich intensiver mit Computern zu beschäftigten. Einer davon eröffnete in Wiesbaden den ersten Computerladen. Das war Martin Fuchs, mein heutiger Partner. Andere haben sich im Keller mit Softwareentwicklung und künstlicher Intelligenz befasst. Und die fragten mich eines Tages: „Du hast doch Marketing studiert, kannst Du uns nicht helfen, unsere Themen zu vermarkten?“ Da es einen explodierenden Computerzeitschriftenmarkt gab, über 100 Titel in Deutschland alleine, existierte ausreichend Platz, um neben Anzeigen auch redaktionelle Inhalte zu positionieren. Die Zeitschriften suchten auch händeringend danach. Die vielen Seiten mussten schließlich gefüllt werden. Es gab fast nur Inhalte aus den USA und die Redaktionen freuten sich über alles deutschsprachige Material.

Kennt man noch Titel aus der Zeit?

Ja! Die Chip gab es bereits und auch die c’t – auch die Computerwoche und Computerzeitung waren bereits seit langem am Start. Daneben gab es Untertitel der großen und viele Kleinverlage, die ambitionierte Projekte aufgelegt haben. Es erschienen im Jahr sicherlich 20 bis 30 neue Titel. Ein Markt, in dem viel Bewegung war, und den Außenstehende auch kaum verstanden. Deshalb habe ich mich damals neben der PR-Tätigkeit um die Aufarbeitung dieses Marktes gekümmert und für Medientitel über diesen geschrieben. Ich habe also PR in Richtung der Medien gemacht und gleichzeitig den Medienmarkt beobachtet.. Aus einem studienbegleitenden, florierenden Nebenerwerb wurde ein Haupterwerb, der dann in der Gründung von Fink & Fuchs PR im Jahr 1988 mündete.

Wie war IT-PR damals?

Es gab im Technologiebereich viele Chancen und wenig Content. Pressekonferenzen waren selbst bei Minithemen überlaufen. Allerdings mussten Journalisten für News auch wirklich reisen, denn man konnte die Inhalte ja nicht elektronisch übermitteln. Vorläufer der E-Mail – wie wir sie heute kennen – waren ja erst im Experimentalstadium angekommen.  Die Journalisten hatten deutlich mehr Zeit, man konnte sich ausführlich austauschen.

Ohne Handy, Mail und Co. – wie hielt man Kontakt mit Redaktionen?

Ich erinnere noch wie heute an meine erste Redaktionstour nach München Mitte der 80er. Da hatte ich einen sehr bunt gescheckten Gebrauchtwagen mit unterschiedlich farbigen Kotflügeln. Ich schlug damit bei Markt & Technik auf – und es war sehr lustig. Das war weniger Business sondern eher: Technikbegeisterte Journalisten treffen auf technikbegeisterten PR-Agenten. Wir wussten alle: Das womit wir uns beschäftigten, das bedeutet die Zukunft!  Und der Rest der Welt verstand es noch nicht. Das war eine schöne Zeit. Manche Journalisten saßen mit Lötkolben und Platinen in der Redaktion, es war ein wenig der wilde Westen der Technologie-Ära. Die Maschinen kamen, die Sekretärinnen fürchteten um ihre Jobs, weil der Rechner ihre Arbeit übernehmen sollte. Wir waren jung, wir waren Rebellen – oder fühlten uns als solche. Und alles war im Aufwind: Die CeBIT wurde eine separate Veranstaltung, die Systems in München war eine große Messe, es wurden unglaublich viele Plattformen geschaffen. Heute ist die IT-Branche ruhiger geworden, andere Branchen übernehmen das Ruder der Innovation – wie grüne Energietechnologien. Das was damals in der IT entstand, das hat sich konsolidiert. Und auch die Printmedien waren in den mittleren 80ern florierend. Heute sind sie ja eher am Ende einer Entwicklung angekommen.

Ich selbst habe nie eine Arbeitswelt ohne Google erlebt. Da finde ich alles. Wie hat man Experten und Ansprechpartner zu bestimmten Fachthemen in der IT gefunden, die wuchsen ja nicht auf den Bäumen?

Man war auf Zeitschriften und Kontakte angewiesen. So einfach. Oder Kongressverzeichnisse und Branchenbücher. Selbst im Telefonbuch konnte man ja nicht suchen, denn man hatte ja nur das Örtliche. Für überregionale Telefonbücher musste man bereits ins größte Postamt der Stadt laufen – Recherche war sehr aufwändig. Internationale Informationen gab es kaum. Für gute Infos haben Kunden auch wirklich gut bezahlt: Marktanalysen, Informationen von Verbänden etc. Wenn man etwas über die wirtschaftliche Lage eines börsennotierten Unternehmens wissen wollte, etwa einen Geschäftsbericht brauchte, dann bekam man das nicht einfach so. Wir haben mal Aktien gekauft, nur um einen Geschäftsbericht zu bekommen. Es ist schon unglaublich, wie viel mehr potenzielle Transparenz wir heute haben. Damals war das alles sehr sehr aufwändig. Und deshalb lag der Schwerpunkt der Tätigkeit oft auf Dingen, die heute selbstverständlich sind. Man war auch viel in Archiven, um etwas über den Zeitschriftenmarkt zu lernen.

Also viel unterwegs?

Ja und nein – die Kunden konnten wählen zwischen hohen Reisekosten oder hohen Telefonkosten. 2000 Mark für Telefon im Monat waren fast normal. Aber komfortabel war die Technik nicht, Handys besaßen wir nicht. Und obwohl ich bereits einen Computer besaß, einen Apple II, war das kein komfortables Arbeiten. Selbst viele Computer-Redakteure schrieben ja noch auf Schreibmaschinen. Ich erinnere mich, dass ich mit Wordstar den Text erstellt habe, auf einem Drucker ausgedruckt, kopiert, ins Brief-Couvert, Briefmarke aufgeklebt – und ab ging das an die Redaktion. Alles war ziemlich händisch. Fotos mussten zum Beispiel immer individuell abgezogen werden – wir hatten später einmal 100.000 Mark Jahresrechnung in einem Fotolabor! Schon fast revolutionär war dann das Fax. Denn alles Technische war sehr teuer. Mein erster Laserdrucker hat Ende der 80er zum Beispiel 5500 Mark gekostet, stark rabattiert! Und meine erste Festplatte mit 10 MB kostete 1800 Mark. Rein technisch war ich zwar weit vorne, aber im Vergleich zu heute war das die Steinzeit der digitalen Entwicklung. Noch 1988 beschrieb in meinem ersten PR-Seminar als Hörer der Referent den Arbeitsplatz eines PRlers so: Eine Schreibmaschine, ein Bleistift, ein Spitzer. Computer? Davon war nicht die Rede. Das empörte mich als Early Adopter doch ein wenig. So wie es heute den Nachwuchs aufregt, wenn in einer Lehrveranstaltung Facebook keine Rolle spielt.

Eine Antwort to “„2000 Mark für Telefon waren fast normal“”

  1. Stephan Fink 23. November 2010 um 07:34 #

    Thx Björn – war ein nettes Gespräch in der Berliner Herbstsonne vor dem BCC – Hier noch ein aktueller Retro-Link:
    The story behind Steve Jobs’ 1985 resignation from Apple http://www.edibleapple.com/the-story-behind-steve-jobs-1985-resignation-from-apple/

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