„München war das Zentrum der TV-Lifestyle-Szene“

26 Jan

Ossi Urchs in den wilden 80s

Ossi Urchs in den wilden 80s

 

Heute ist Ossi Urchs den meisten als „Internet-Guru“ der ersten Stunde bekannt. Doch dass er in den 80er Jahren als Regisseur beim Fernsehen mit TV-Protagonisten wie Günther Jauch oder Sandra Maischberger arbeitete, ist in der Web-Szene fast unbekannt. Ein Grund mit Ossi über die wilden 80er Jahre beim Fernsehen zu sprechen.

Ossi, ein Blick zurück ins Jahr 1985. Du bist nicht im Internet, sondern in einem Fernsehstudio. Aber wie bist Du dorthin gekommen?

Das habe ich mich auch ein paar Male gefragt. Es fing damit an, dass in meiner Kindheit ein Freund im Nachbarhaus wohnte, dessen Vater beim WDR Hörfunkregisseur war. Und eines Tages rekrutierte er meinen Freund und mich für eine Sendung – so wurde aus dem kleinen Ossi ein Kindersprecher beim Radio – das war so Anfang der 60er Jahre. Da begegnete ich übrigens Marius Müller-Westernhagen, der damals ebenfalls Kinderfunksendungen machte. Während der Schulzeit hab ich dann angefangen Manuskripte zu schreiben, habe anschließend eine Assistentenausbildung beim WDR Fernsehen gemacht.

Wie ging es dann weiter – und vor allem zum Fernsehen?

Eigentlich wollte ich Redakteur werden, aber man sagte mir, dass ich dazu studieren müsste. Also habe ich auch noch ein Studium begonnen. Ich merkte aber schnell, dass mir das „Machen“ mehr lag als die Theorie und das Kritisieren. Ich machte weiter als Regieassistent und nach meinen Studium nahm ich schließlich mein Herz in beide Hände und behauptete: ich bin Regisseur. Was mir tatsächlich der ein oder andere Redakteur abgenommen hat. So kam ich Anfang der 80er Jahre zu ersten Regiearbeiten bei Dokumentationen und in Jugendsendungen. Da war ich inzwischen in München und arbeite vor allem für den BR bei Sendungen wie „Live aus dem Alabama“ (später „Live aus dem Schlachthof“) und bei einer epochemachenden Sendung namens „Pink“; das war der Vorläufer aller später kommenden Lifestyle-Magazine.

Wie muss man sich denn die TV-Szene in München in den 80s vorstellen?

Es war ziemlich wild. München war das Zentrum der Lifestyle-Szene. Das war recht zwangsläufig, denn künstlerisch war die Stadt auf dem eher absteigenden Ast. Sie war einfach zu teuer geworden für eine alternativere Künstlerszene. Bei „Pink“ gab es eine hoffnungsvolle junge Moderatorin namens Sabrina Lallinger mit der wir permanent durch die Lifestyle-Tempel liefen und dort Fernsehsendungen machten. Das war viel komplexer als heute, denn wir brauchten für die analoge Fernsehtechnik große Ü-Wagen und mussten mit LKWs durch die Gegend fahren. Aber wir waren für die Zeit doch recht schnell und preiswert. Und unser Format war sehr beliebt. „Live aus dem Alabama“ war da schon ein wenig alternativer. Es gab eine Kooperation zwischen dem Bayerischen Rundfunk und dem Betreiber der Alabama-Halle. Der BR finanzierte Konzerte und dazu gab es dann Talk-Elemente.

Später machten wir das dann im Schlachthof, denn die Alabama-Halle machte irgendwann dicht. Spannenderweise wurde das Ganze eine Art Kaderschmiede für die deutsche Fernsehunterhaltung. Sandra Maischberger fing bei uns an, auch Günther Jauch hatte seine ersten Auftritte als Fernsehmoderator.

Wie muss ich mir den jungen Günther Jauch vorstellen?

Er war schon so, wie heute. Er kam bei uns im Schlepptau von Thomas Gottschalk an. Denn Jauch war ja ein redaktioneller Mitarbeiter von Gottschalk, der Günther Jauch bei uns anpries: „Der Junge ist gut, der ist schnell in der Birne.“ Gottschalk hat ihn in irgendeine informelle Runde zu „Pink“ mitgebracht. Da hatten wir keine Verwendung für ihn, aber „Live aus dem Alabama“ hatte noch Platz. Und tatsächlich stellte sich bei ersten Probeaufnahmen mit Günther heraus, dass man ihn überall hinstellen konnte, mit jedem sprechen lassen konnte – und immer hatte er irgendwas zu sagen. Eindeutig sein großes Talent bis heute. Er ist genauso wie er erscheint – und er ist aus dem Stehgreif sensationell gut und war das bereits bei seinen ersten Probeaufnahmen. Es dauerte nur kurz – und schon war Günther der Starmoderator beim BR und bei „Live aus dem Alabama“; das war etwa 1985. Und dann startete er seine große Karriere.

(Und er war wirklich schon immer sehr schnell, s. Video:)

Welche Anekdoten hast Du aus der Zeit noch in Erinnerung?

Ach, es gab vieles. Vor allem „Skandale“; denn in den 80ern machte man schon mal aus einer Mücke einen Elefanten. Vor allem in Bayern. Ich erinnere mich noch an die Absetzung von „Pink“. Die kam zustande, weil Udo Lindenberg das Jesuskind in einer Sendung „einen süßen Fratz“ nannte. Ein riesiger Aufreger – und das Ende der Sendung. Und dann spielten Bands wie Die Ärzte oder Die Toten Hosen ihre frühen TV-Auftritte ebenfalls in unseren Sendungen. Skandal! – es gab viele Leute, die für den Bayerischen Rundfunk oder sogar für ganz Bayern untragbar waren (lacht).

Du warst also mittendrin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und dann kam das Privatfernsehen. Wie war das für Euch? Habt Ihr das ernst genommen?

Es war ein wenig eine Haltung wie heute gegenüber den Aktiven in den Social Media. Das Kabelpilotprojekt Ludwigshafen war wie Kindergarten für die professionellen Fernsehmacher. Die nahmen das erst mal gar nicht ernst. Arroganz gegenüber den Neuen war sehr verbreitet. Auf der anderen Seite merkte man, dass da etwas losging, was neu war. Auf einmal entstanden Formate, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht machbar waren. Das sorgte für Neugierde. RTL, damals noch ausschließlich in Luxemburg ansässig, machte dann eine große Recruiting-Veranstaltung. Und ich fuhr mit einigen Kollegen hin. Das endete damit, dass mich RTL für den Umzug des Senders nach Köln Anfang 1988 anheuerte, um dort den Sendebetrieb aufzubauen. Dort war dann alles anders als beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Es war eine absolute Start-Up-Stimmung. Ein einziges Großraumbüro mit 40 Leuten – vom Chef Helmut Thoma bis hin zum Praktikanten arbeiteten alle zusammen. Das brachte eine ganz spezielle Attraktivität für Fernsehmacher mit sich.  Und eben auch für mich. So wie dann später die neue Bewegung des Internets – das mich scheinbar magisch angezogen hat. Obwohl ich in den 80ern eigentlich wenig mit Computern zu tun hatte. Ich hatte zwar einen Schneider PC, aber den habe ich gehasst. Ich hatte nie eine so blöde Schreibmaschine wie diesen Computer.

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  1. Gute Reise Ossi - Blog in Orange - 26. September 2014

    […] München war das Zentrum der TV-Lifestyle-Szene – Medienzeitmaschine […]

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